
Es war ein ziemlich anstrengendes Jahr für mich. Ich bin einen langen Weg gegangen, und dieser Blog war, auch wenn es für den Außenstehenden nicht offensichtlich ist, Teil davon: mit Höhen und Tiefen, langen Pausen, Hoffnung, Euphorie und Verzweiflung. Einer aber, von dem ich es bis dahin nicht gedacht hätte, war immer bei mir: Dave Brubeck mit seiner Musik, die er 1998 in Berlin gespielt hat. Ich weiß nicht, ob es die Musik selbst ist, oder nur ich, der sie emotional aufgeladen hat. Abschied, Trauer, Wut sind die Gefühle, die ich mit ihr verbinde. ich habe dieses Konzert seit 10 Monaten auf meinem MP3-Player, und ich habe es fast jeden Tag gehört.
Das heißt nicht, dass ich jetzt Brötzm, Braxton, Taylor und all die anderen nicht mehr höre, aber dieses Konzert war meine seelische Stütze.
The Dave Brubeck Quartet:
Tränenpalast, Berlin
Aufzeichnung vom 2.6.98
Dave Brubeck – p
Bobby Militello – as, fl
Jack Six – b
Randy Jones – dr
CD 1:
- Theme For June 17:16
- Marian McPartland 6:41
- Chorale 6:19
- The Basie Band Is Back 11:35
- Brandenburg Gate Revisited (fade out) 10:27
CD 2:
- What Will I Tell My Heart 8:53
- Waltzing 6:09
- Travelin' Blues 8:11
- I Got Rhythm 6:28
- The Things You Never Remember 9:40
- Take Five 12:16
mp3@192 kbs + CD cover
ich frage mich ja, welches Konzert der Mann besucht hat.
Berliner Zeitung, 4. Juni 1998:
"Der Häuptling und seine Indianer
Dave Brubeck Quartett im Tränenpalast
Philip LukasWürde er seinen Super-Hit spielen, der ihn seit 1959 verfolgt, obwohl nicht er ihn geschrieben hat, sondern sein damaliger Saxophonist Paul Desmond? Nach zweieinhalb Konzertstunden im gut besuchten Tränenpalast hämmert Dave Brubeck die "Take five"-Antwort in den Flügel, von einem Applaus der Erleichterung begrüßt.
Kaum ein Jazztitel ist so populär wie jene Komposition im unwiderstehlich hüpfenden 5/4-Takt mit der eingängigen Melodie; sie hängt dem mittlerweile 77jährigen Pianisten an wie die eiserne Kugel dem Gefangenen: Wo er ist, da ist auch sie und engt den Spielraum bis zur Bewegungsunfähigkeit ein.
Brubeck betritt schlurfenden Schrittes die Bühne und stellt mit schleppender Stimme zunächst seine Band vor, bevor er sich zu einer impressionistisch anmutenden Ouvertüre an den Flügel setzt, aus der sich eine getragene Ballade entwikkelt, die im Mittelteil mit klassischen Einlagen polyrhythmisch kokettiert, um dann über den Balladenton zum solistischen Ausgangspunkt zurückzufinden. Hier wie im gesamten ersten Teil des Konzertes ist der klassisch geschulte Brubeck zu hören, der Student von Darius Milhaud und Arnold Schönberg, der dem Jazz in den fünfziger Jahren eine intellektuelle Note verlieh und kammermusikalisch öffnete.
Dave Brubeck ist der Mittelpunkt schlechthin, seine Band ist kaum mehr als Begleitung für den Chef. Kein ernstzunehmender Jazzmusiker verfolgt heute noch das Konzept "Ein Häuptling und seine Indianer". Brubecks Musiker aber ordnen sich perfekt den Vorstellungen ihres Chefs unter, der dezent swingende Drummer Randy Jones ebenso wie der unaufdringlich spielende Bassist Jack Six und der figürlich an ein Obelix-Double erinnernde Saxophonist und Flötist Bobby Militello.
Das Brubeck-Quartett hält sich konsequent an diese Arbeitsteilung. Ein Konzert mit Dave Brubeck ist wie ein Gang in die Abteilung des Jazzmuseums, die der Zeit vor den Free-Stürmen der Sechziger und der Rock-Renovierung der Siebziger gewidmet ist. Brubeck weiß um diese Orientierung an längst überholten Konzepten; nicht von ungefähr fragt seine jüngst veröffentlichte CD im Titel: "So what s new" und gibt mit dem ersten Stück souverän die Antwort: "It s Déjà Vu all Over Again".
Die Wende im Konzert kam jetzt mit der Pause, der klassische Pianist Brubeck betont seine Jazzseite. Das Tempo der Stücke nimmt zu, Brubeck hämmert die ersten Blockakkorde, die statisch in ihrer Wiederholung den rhythmischen Fluß von Baß und Schlagzeug teilen. Ein ironischer Blues, ein schneller Walzer,die Band agiert endlich als kompakt swingendes Ganzes, dann das erlösende "Take five". Brubeck und die vergangene Zeit sind eins."

